Deutsch-schwedisches Trainingscamp

Seit zehn Jahren verbindet uns eine Freundschaft mit der Cirkusskola Malmö, einem Jugendzirkus, der eine ganz ähnliche Trainingsstruktur- und Kultur hat wie wir. 2014, 2019 und 2022 waren wir bei Ihnen zu Gast, haben gemeinsam trainiert und sind in Malmö im historischen Circus-Rundbau „Barnens Scen“ aufgetreten. Im letzten Jahr waren die schwedischen Circus-Schüler*innen endlich auch zum ersten Mal bei uns zu Gast. Und am Ende des viertägigen Besuchs bei uns waren sie so begeistert, dass sofort eine Neuauflage dieses Formats beschlossen wurde.

So ließ sich auch in diesem Jahr ganz unkompliziert und ohne allzu großen Aufwand ein erneutes deutsch-schwedisches Trainingscamp in unseren Hallen organiseren.

Am 22. Februar holten wir 22 gut gelaunte Schwed*innen an der Bushaltestelle ab und begleiteten sie zum Vereinsheim, wo sie zunächst den Gymnastikraum bezogen und ihre Schlafplätze einrichteten. Wie in Schweden üblich, reihten sie sogleich ihre Straßenschuhe feinsäuberlich im Flur auf, um ja nichts schmutzig zu machen, und auch sonst zeichneten sie sich durch sehr vorbildliches Verhalten und eine große Disziplin aus. Nach einem Frühstück in der Vereinsgastronomie am Freitagmorgen fuhren sie in die Stadt, um Lübeck zu erkunden. Einzelne Charivaris, die schon im Vorjahr mit ihnen Freundschaft geschlossen hatten, trafen sie dort am Mittag und zeigten ihnen ihre Lieblingsecken.

Um 17 Uhr 30 startete dann das offizielle Trainingslager mit 38 Charivaris und 22 Cirkusskola- Gästen. Der schwedische Circus-Schuldirektor Måns, seine Trainerin Amanda und ich waren uns einig darin, dass wir von vorneherein dafür sorgen wollten, dass sich die schwedischen und deutschen Artist*innen möglichst viel mischen sollten und wir für maximalen Austausch und Begegnung sorgen wollten. Schon die ersten Spiele brachen das Eis und brachten alle Teilnehmenden gleich in ein fröhliches und unbefangenes Miteinander. Unsere Gäste begeisterten sich für unsere „Klassiker“ wie Mc Donalds oder das Haifisch-Spiel, während die Charivaris euphorisch die schwedischen Spiele aufnahmen. Nachdem alle das peppige schwedische Aufwärmprogramm nach Musik mitgemacht hatten, verteilten wir uns zum freien Training in den unterschiedlichen Disziplinen auf beide Hallen. Schon wurden erste Tricks ausgetauscht, neue Kunststücke beigebracht, erste Gespräche geführt. Nach einem leckeren Abendessen von der Vereinsgastronomie, brachten die Charivaris unserem Besuch Partytänze wie „Mr Duck“ und „Cotton Eye Joe“ bei, und die schwedischen Gäste nahmen auch begeistert an unserer traditionellen Singerunde bei Kerzenschein teil. Es dauerte lange, bis an diesem Abend Ruhe herrschte, dennoch krochen alle am nächsten Morgen motiviert und voller Tatendrang aus den Schlafsäcken. Nach sehr witzigen neuen Spielen genossen wir erneut das fetzige Warm-Up der Schwed*innen. Dann gab Måns, der ein professioneller Zauberkünstler ist, den Charivaris einen Zauberworkshop, bei dem sie Streichhölzer und Haargummis „verschwinden“ ließen, während ich einige Schwed*innen, in meiner Hauptdisziplin, dem Schlappseil, unterrichtete. Sie waren sehr gelehrige Schüler*innen und wollen Schlappseil nun auch in ihr Programm aufnehmen. Danach ging es wieder an die unterschiedlichen Circus-Geräte mit der Vorgabe: jede*r bringt jemandem aus dem anderen Land ein neues Kunststück bei, jede*r lässt sich etwas Neues beibringen. Das hat sehr gut funktioniert. Nach dem Mittagessen legten wir alle eine halbstündige Mittagspause ein, in der einige sogar etwas Schlaf nachholten. Danach führten wir die Gäste in unsere „Lange-Matte“- Routine ein und machten mit 60 Leuten gleichzeitig Bodenakrobatik. Nach einer Kuchenpause begannen wir in deutsch-schwedischen Kleingruppen Pyramiden zu bauen, die immer eine Vorgabe zu erfüllen hatten: die niedrigste Pyramide, eine Pyramide, die wie eine Pyramide aussieht, eine, die wie eine Blüte aussieht, eine, die sich fortbewegt… Das regte die Kreativität aller an und führte dazu, dass man sich zwangsläufig auch noch mehr miteinander auseinandersetzen und unterhalten musste. Schön war es, dass gerade diejenigen, die anfangs noch skeptisch waren, dieses „Zusammenwerfen“ später sehr gut fanden und zugaben, dass sie ohne diese Anregung nie so sehr auf die anderen zugegangen wären. Es herrschte nun endgültig ein wundervolles bikulturelles Miteinander. In der letzten Trainingsphase des Tages konnten so auch schon ganz selbstverständlich kleine deutsch-schwedische Nummern geprobt werden. Nach dem Abendessen waren wir froh, bei einer Abendrunde durch Karlshof etwas frische Luft schnappen zu können. Bei der anschließenden Singerunde sangen die Schwed*innen auch schon die deutschen Lieder mit und den Charivaris kam das schwedische „Vem kan seglar“ schon recht gekonnt über die Lippen.

Am Sonntag Morgen vertrieben wir die schon deutlich vorhandene Müdigkeit mit leckerem Frühstück, einem Spiel und fetzigem Warm-Up. Anschließend wurden immer in deutsch-schwedischen Teams Nummern geprobt für die anschließende „Open Stage“. Es war äußerst bemerkenswert, wieviel alle in der kurzen Zeit gelernt hatten, wie gut alle anfängliche Schüchternheit oder Berührungsängste überwunden hatten und wie souverän deutsche und schwedische Circus-Schüler*innen miteinander auftraten. Außenstehende konnten ohnehin schon längst nicht mehr erkennen, wer hier deutsch oder wer schwedisch war. Viele der Cirkusskola-Leute trugen Charivari-Pullis, viele der Charivaris trugen Malmö-Hosen, und alle sprachen englisch. Viel zu schnell verflog die Zeit. So blieb am Ende nur noch Zeit für ein Lieblingsspiel (Blood Potatoe), zwei Lieblingslieder („Against the Tide“ und „Vem kan seglar“) und einen Lieblingstanz (Cotton Eye Joe). In der Feedback-Runde wurde ausnahmslos dafür plädiert, so ein Camp im nächsten Jahr wieder stattfinden zu lassen. Viele tauschten Handynummern aus und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Im Herbst wird unsere Projektgruppe drei Vorstellungen in Malmö geben und in der Cirkusskola gemeinsam mit den Schwed*innen trainieren, und wenn Ihr im Februar nächsten Jahres in den Fluren unseres Vereinsheims wieder feinsäuberlich aufgereihte Straßenschuhe seht, dann wisst Ihr, sie sind wieder da: unsere Freund*innen von der Cirkusskola Malmö. Seid so nett, und sagt ihnen „Varmt Välkomna!“

Trix Langhans

Bilder von Lilli Zoschke

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