Herbsttournee des Circus Charivari

Nach dem großen Erfolg unseres Stückes „Sea you“ mit vier gut besuchten Vorstellungen im Juni gingen wir in die Sommerpause, um nach den Ferien noch einmal im Detail nachzuproben und den Feinschliff vorzunehmen. Dies hatte sich schon bei vergangenen Projekten bewährt, konnte sich das Stück so nach etwas setzen und nachreifen und letzten Endes dann erst zu voller Blüte gebracht werden. Ende September war es im ganzen Vereinsgebäude nicht mehr zu übersehen: der Circus machte sich mal wieder breit:) Requisisten und Kostüme hielten wieder Einzug und Dominik Steinhagen, unser Hauptsponsor von der Firma Iventcon, zauberte uns ein wundervolles Bühnenlicht und bestmögliche Tontechnik in die Chris-Köhne-Halle.

Nach zwei ausverkauften und umjubelten Vorstellungen am 1. und 2. Oktober und noch raschen personellen Umbesetzungen wegen Krankheitsausfällen ging es dann am 7. Oktober los auf die große Reise. Bereits zum dritten Mal fuhr uns der weltbeste Busfahrer Ingo von Förster von Nordic Aktiv Reisen, , den daher auch die Unmengen an Sachen, die verladen werden mussten ( vom Drumset über Rollmatten, Seiltanzanlage bis zu riesigen Kochtöpfen) nicht schrecken konnten. Dank unserer Packmeister*innen, die akribisch ihre Listen kontrollierten, fand jedes Teil seinen Platz, und es konnte fast pünktlich losgehen. Die Stimmung an Bord war von Beginn an grandios, mit Gesang und Kucken feierten wir sogleich erst einmal Johannas Geburtstag. Nach der Ankunft in Aarhus bildeten wir eine lange Kette, um sofort alle Dinge auf Backstage, Bühne, Band, Technik-Regie, Schlafplätze und Küche zu verteilen. Den Gastgebern fiel sogleich die enorme Disziplin in dieser Truppe auf, und mit diesem Teamgeist ging alles nicht nur schneller, sondern machte auch allen Beteiligten richtig viel Spaß. Wir bezogen das alte und leider reichlich marode Theater von Gellerup, einem Brennpunktviertel von Aarhus. Die Coronazeit hat leider den Verfall des Theaters beschleunigt, das Wasser kam zunächst braun aus den Leitungen, es regnete durchs Dach, viele Scheinwerfer waren kaputt, die Sicherungen flogen während der ersten Vorstellung ständig raus, und als I-Tüpfelchen war noch eine unserer Schwerbehindertenbegleiterin eine Dreiviertelstunde in der Toilette eingeschlossen, weil sich das Schloss nicht mehr öffnen ließ (während alle anderen zu Soundcheck und Stellprobe auf der Bühne waren). Wir nahmen dennoch alles mit Humor und machten das Beste daraus. Und es war so oder so eine tolle Erfahrung, unser Stück, in einem großen voll besetzten Theatersaal auf die Bühne zu bringen. Sowohl die öffentliche Vorstellung am Samstag als auch die Vorstellungen für Schulklassen am Montag Morgen stießen auf große Begeisterung, manche Zuschauer*innen jubelten bei jedem Kunststück und es gab langen und herzlichen Applaus. Am Samstag Abend luden uns die Gastgeber vom Cirkus Tvaers zum gemeinsamen Abendessen, anschließend trainierten wir gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen aus dem Quartier im nahe gelegenen neuen Circus-Gebäude. Hier trafen wir auch am Sonntag unsere Freunde, die Nafsi Africa Acrobats aus Kenia, die zeitgleich mit uns auf Tournee in Dänemark waren und eine zweistündige Anreise auf sich nahmen, um unbedingt ein paar Stunden mit uns verbringen zu können. In der Coronazeit hatte ein ganzes Netzwerk von Leuten aus unserer Circus-Gemeinschaft diese sogenannten „Social artists“ finanziell unterstützt, um ihre Arbeit in den Slums von Nairobi weiter zu ermöglichen. Nun wollten sich die Akrobaten dafür bei uns bedanken, zeigten uns einen Teil ihrer spektakulären Tanz-und Akrobatikshow und gaben uns einen Bodenakrobatik-und Pyramidenworkshop. Ein temperamentvoller afrikanischer Tanz, den sie uns beibrachten, wurde für den Rest der Tournee unser „Kick-Off“-Ritual vor jeder Vorstellung. Der Tournee-Stop in Gellerup wird allen bestimmt als Ort der multikulturellen Begegnungen in Erinnerung bleiben, der Besuch in einem riesigen orientalischen Basar ergänzte diese Erfahrungen noch.

Der Cirkus Tvaers teilte uns mit, dass wir natürlich unbedingt ganz bald wiederkommen sollen, da wir auch ihre Kinder und Jugendlichen enorm inspiriert haben, eine der Trainerinnen von dort schrieb uns: „ Thank you for your visit – I am totally impressed with your whole project.

It is great to see both the show( the result) and to see how kind and nice all the young people are to each other and the world around them.“ Was für ein schönes Feedback!

Leider mussten wir uns in Aarhus von unserer Cellistin verabschieden, die erkrankt war, Wiebke Hahn, unser Bandcoach schrieb kurzerhand die Musik etwas um, und das Akkordeon übernahm Teile der Cello-Stimme. Dafür kam in Malmö unsere frisch genesene Geigerin wieder hinzu. Auch in der Technik und bei der Schwerbehindertenbegleitung gab es noch Wechsel, doch es zeichnete unsere Truppe aus, dass sie allen mit großer Offenheit begegneten und sich alle mit großer Flexibilität an immer neue Gegenheiten anpassten.

Nach entspannter Fahrt mit herrlichen Ausblicken über Storebelt und Öresund erreichten wir in Malmö den schönsten aller Veranstaltungsorte: Barnens scen i Folkets Park, einen historischen Circus-Rundbau mit modernster Bühnentechnik, ein Traum von einem Theatersaal.

In der ausverkauften Abendvorstellung, aber auch in den beiden frühmorgenlichen eher dünn besetztenVorstellungen für Kindergartengruppen entfaltete unser Stück seinen vollen Zauber und unsere Darsteller*innnen spielten mit wahrer Hingabe. Mehrfach ertappte ich selber mich dabei, dass ich mir beim Blick aufs Bühnengeschehen die Tränen aus den Augen wischte, so berührend war das Ganze und so schön das ganze Ambiente.

Sehr schön für uns war es, dass wir gleich zwei lange Trainings mit den Schüler*innen der Cirkusskola Malmö absolvieren konnten. Diese Circus-Schule ist nicht nur technisch bestens ausgestattet und artistisch auf hohem Niveau, alle sind auch unglaublich herzlich und offen für neue Erfahrungen. So sind gleich Freundschaften entstanden, wir konnten viele neue Tricks lernen, viele schreiben sich nun regelmäßig, und ein deutsch-schwedisches Trainingscamp in unseren Hallen ist für nächstes Jahr in Planung! Es war nun schon unser dritter Besuch in Malmö, und dass wir uns dieser Circus-Schule sehr verbunden fühlen, spiegelt sich auch darin, dass fast alle in unserer Gruppe nun T-Shirts und Trainingshosen mit dem Logo der Malmö Cirkusskola tragen, während die Schweden sich nun in Lübeck 1876/Charivari-Rot kleiden:)

Etwas Freizeit in der Stadt und im angrenzenden Park blieb uns auch, und es war bewundernswert, wie gut alle Jugendlichen das extrem frühe Aufstehen ( 6 Uhr) wegsteckten. Auch das Einhalten der Nachtruhe war nie ein Konflikthema, alle hielten sich daran, und wenn Punkt 6 unser Bandcoach Wiebke das Stück „Tequila“ auf ihrer Trompete blies, hielt trotz der Tageszeit sogleich schon wieder die gute Laune Einzug.Überhaupt war die Stimmung in der Gruppe durchgehend warmherzig und fröhlich. Die langen Wartezeiten vor Duschen. Toiletten oder Buffet wurden für ausgiebiges Nackenmassieren in den Schlangen genutzt, das Zöpfe-Flechten und Schminken für intensive Gespräche, und es wurde viel gesungen.

Viel zum Wohlbefinden trug auch unser sensationelles Küchenteam bei, das uns stets aufs Beste versorgte. Und auf den Busfahrten unterhielt uns Rainer Rudloff, Co-Regisseur unseres Stückes und Mitorganisator, mit seinen sensationellen Vorlesekünsten.

Der letzte Tournee-Stop in Simrishamn hatte wiederum seinen ganz besonderen Charme. Hier werden im Herbst wirklich die Bürgersteige hochgeklappt:), weswegen unser Besuch dort eine echte Sensation war. Ab dem zweiten Tag wurde man schon im Städtchen angesprochen, ob wir die vom Circus seien, und bei der Schulvorstellung herrschte Kreischalarm wie bei einem Rockkonzert. Die Schulkinder klatschten bei den Schlussverbeugungen unsere Artist*innen ab und schworen sich, dass sie die Hände danach nicht mehr waschen wollten! Vor allem Johann, den „Pinguin“, riefen sie immer wieder auf die Bühne. Diese Begeisterung entschädigte uns dafür, dass der Auftrittsort selber, eine riesige Turnhalle, gerade im Gegensatz zum Theater in Aarhus und dem Circus-Rundbau in Malmö alles andere als schön war. Aber letzten Endes kommt es immer darauf an, was man aus jeder Gegebenheit macht, und unsere Techniker hüllten auch diese Halle in stimmungsvolles Bühnenlicht. Wir erlebten am Ende eine absolut zauberhafte Derniere, bei der uns Musiker*innen und Artist*innen mit vielen liebevoll ausgearbeiteten Extras überraschten.

Natürlich war es ein sehr emotionaler Moment, dieses Stück nach insgesamt 13 Vorstellungen abzuschließen, und es flossen reichlich Tränen. Gefeiert wurde dann aber bis zum frühen Morgen, und bei der sehr ergreifenden Feedbackrunde wurde nochmal sehr deutlich, wieviel dieses Projekt allen bedeutet hat. Auch die Kulturskola Simrishamn will uns in Lübeck besuchen, waren sie doch unendlich inspiriert von unserem Stück, und natürlich sind wir auch dort wieder herzlich willkommen. In der beschaulichen Kleinstadtidylle von Simrishamn endete unsere Tournee, doch in unseren Herzen reisen wir weiter. Mit diesen wertvollen Erfahrungen im Gepäck werden diese Jugendlichen in ihrem Leben bestimmt noch so einiges bewegen und bewirken, und auch ich habe noch vieles mit ihnen vor. „Sea you“!!!

Trix Langhans

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Herbsttournee des Circus Charivari

Wir sind unterwegs…

Nach zwei weiteren gefeierten Shows in Lübeck am vergangenen Wochenende sind wir nun zu unserer Tournee gestartet. Haben Sie die Show verpasst? Machen Sie sich auf den Weg. Wir spielen in ….

Gelerup (Aarhus, Dänemark), Cirkusbygningen, Cirkus Tvaers, sports-og kultur-campus
8. Oktober um 16:00 Uhr
10. Oktober um 10:00 (Schulvorstellung)

Malmö (Schweden), Barnens Scen i Folkets Park
11. Oktober 19:00
12. Oktober 9:00 (Schulvorstellung)
13. Oktober 9:00 (Schulvorstellung)

Simrishamn (Schweden), Jonebergshallen, Krabbegatan 20
14. Oktober 12:15 (Schulvorstellung)
15. Oktober 16:00

Hjertelig velkommen! Varmt välkommen!

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Wir sind unterwegs…

Noch zweimal in Lübeck!

Bald ist es wieder soweit: der Circus Charivari lädt ein in die Chris Köhne Halle.
Am 1. und 2. Oktober um 16 Uhr präsentieren wir noch einmal unser Stück „Sea you- Ein artistischer Tauchgang durch die Welt des Wassers“.
Wer die umjubelten Vorstellungen im Juni verpasst hat oder das Stück gar ein zweites Mal sehen möchte, hat nun noch einmal die Gelegenheit, sich von den 24 Artist*innen und Musiker*innen verzaubern zu lassen. Die Tageskasse öffnet an beiden Spieltagen um 15 Uhr.

Mit Ihrem und Eurem Applaus im „Gepäck“ machen wir uns dann kurz darauf auf die Reise. Vom 7. bis 16. Oktober sind wir auf Skandinavientournee.
Das Stück wird dann insgesamt noch sieben Mal an drei verschiedenen Orten gezeigt. Velkommen/välkomna i Gellerup (DK), Malmö & Simrishamn (S)!

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Noch zweimal in Lübeck!

Die artistische Wasserwelt des Circus Charivari

Fischer mit Jonglierkeulen, Pinguine auf Einrädern und Formationsschwimmen ganz ohne Wasser – das gibt es nur beim Circus Charivari. In einer fantastischen Show mit 14 Artist:innen und einer achtköpfigen Liveband zeigten die Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren eine mal poetische, mal fetzige Geschichte rund um das Thema Wasser im Allgemeinen und eine Flaschenpost im Besonderen.
Am Samstag, den 11. Juni war die Premiere des Circus-Stücks „SEA YOU, Ein artistischer Tauchgang durch die Welt des Wassers“, in dem (fast) jegliche Disziplin von der Bodenakrobatik über Tuch und Netz bis hin zu einer hinreißenden Schlappseilnummer zu sehen waren. In der Chris-Köhne-Halle des Sportvereins Lübeck 1876 zeigte das Ensemble der Circussparte des Vereins das Stück, das die Jugendlichen im Laufe des vergangenen halben Jahres mit sehr viel Eigeninitiative und einem unglaublichen Engagement selbst erarbeitet und nun dargeboten haben.
Das inklusive Projekt, das von der Trainerin und Circusdirektorin Trix Langhans dieses Jahr bereits zum vierten Mal realisiert wurde, wird nicht zuletzt auf Grund seines großen Erfolgs von diversen Lübecker Stiftungen gefördert. Das inklusivste daran ist vermutlich, dass die wenigsten Zuschauer:innen bemerkt haben, dass unter anderem eine blinde Artistin mitgewirkt hat.
Das begeisterte Publikum bekundete seinen Respekt vor dieser großartigen Leistung der jungen Künstler:innen mit frenetischem Applaus, nicht nur am Ende des Stücks, sondern immer wieder während der insgesamt zweistündigen Darbietung. Es war nicht allein das außerordentliche Beherrschen der einzelnen Kunststücke, auch das Spielen der jeweiligen Rollen in Wathosen, Badeanzügen, Blaumännern, als Wasserwesen oder Seifenblasen. Eine Show, die die Welt für einen Nachmittag vergessen und die Seele abtauchen ließ!
Nina Greve

„Alle Nummern sprühten vor Phantasie und Akrobatik, vor Freude und Kunst und großem Können. Alles verzauberte uns und nahm uns mit in eure wundervolle Circuswelt.“
(Zitat einer Zuschauerin)

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Die artistische Wasserwelt des Circus Charivari

Herzlich Willkommen!

Endlich ist es mal wieder so weit: unsere Projektgruppe hat ein neues Circus-Stück erarbeitet, das ingesamt sechs Mal in Lübeck gezeigt werden soll und im Herbst auf Skandinavientournee gehen wird. In unserem 90 minütigem Programm geht es rund ums Thema Wasser: Wasser in allen Aggregatzuständen, Artistik in allen Formen und Fassungen.

14 junge Artist*innen im Alter von 12 bis 19 Jahren begeistern in poetischen, schwindelerregenden und mitreißenden Nummern in der Luft, am Boden oder auf dem Drahtseil.

Begleitet werden sie von der Charivari-Liveband: acht jungen Musiker*innen unter der Leitung von Martin Hermann. Die Regie liegt in den Händen von Rainer Rudloff und Trix Langhans.

Halten sie die Augen auf! Vielleicht findet ja jemand die Flaschenpost?

Lassen Sie sich verzaubern und tauchen sie mit uns ein in eine berührende und perlende Circus-Welt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Herzlich Willkommen!

Gut, wieder hier zu sein

Herumwuselnde Kinder, die noch einmal den Eltern tschüss sagen wollen, Gepäck, dass hin und her getragen wird und ältere Charivaris, die fleißig Namensschilder schreiben und Patenkindern zeigen, wo sie hin müssen. Das erste Übernachtungswochenende nach über anderthalb Jahren Pandemie begann vielleicht noch etwas holperig, schließlich mussten sich dieses Mal alle am Foyer einchecken – getestet, genesen, geimpft? Aber hinter den Schranken verbarg sich ein Ort, an dem man zumindest für zwei Tage seine Sorgen vergessen und vor allem eines machen durfte – Circus!

Nachdem jede:r eingetrudelt war und sich alles gefunden hatte, versammelten sich Klein und Groß in der Sporthalle und wärmten sich gemeinsam auf. Hier und da huschten noch vereinzelt Blicke hin und her, schauen, wer alles da ist, wen man kennt und wen vielleicht noch nicht. Für manche war es ja sowieso nicht ganz ungewohnt, mit einem 85-köpfigen Circus zwei Tage unter einem Dach zu verbringen, andere jedoch suchten nach dem Aufwärmen erst einmal die Zettel, auf denen ihre Workshops eingetragen waren, um diese rechtzeitig zu erreichen. Die Workshops wurden dieses Mal ausschließlich von jungen Trainer:innen und Charivaris geleitet. Außerdem gab es noch eine Besonderheit: Drei Diabolo-Spieler:innen des Zirkus Sonnenstichs aus Berlin, Micha, Oskar und Sol, besuchten uns, um uns in ihre Künste einzuführen.

Wie auch im normalen Training gingen manche Artist:innen in die Lüfte, manche turnten auf den Bodenakrobatik-Matten herum und wieder andere tanzten fokussiert auf Spann- oder Schlappseil. Nach einem erschöpfenden aber dennoch intensiven und fröhlichen Vormittag drängten sich Hände mit leeren Tellern in Richtung der Essensausgabe, die mit dampfender Pasta auf der langen Tafel landeten.

Ein voller Magen sollte nicht direkt wieder zum Sport bewegt werden, deshalb gab es noch etwas Zeit, sich auszuruhen, vielleicht neue Gesichter kennenzulernen oder noch einmal zu überprüfen, ob man den richtigen Workshop finden würde. Nach einem Aufwärmspiel ging es erneut ins Training, wobei es zwischendurch Stärkung durch Kuchen und frisches Obst gab, das dankbar angenommen wurde.

Als sich der erste Tag dem Ende neigte und alle Geräte abgebaut waren, fanden sich alle mit ihrem mitgebrachten Abendbrot in kleinen Kreisen in der Parketthalle wieder. Über das Plaudern und Schnattern hinweg versuchte Trix die Wunschtechniken zu ordnen, die für den letzten, noch offenen Workshop entstanden waren. Da es eine lange Zeit gewesen war, die man in den Sporthallen verbracht hatte, waren alle erleichtert, als es zu einem Abendspaziergang an die frische Luft ging. Einmal durch Karlshof und ein Stück durch den Wald, um dort die Artist:innen des Zirkus Sonnenstich zunächst zu verabschieden, die bei Trix zu Hause schlafen würden, und dann wieder zurück zum Verein. Einige hatte bereits der Ausflug müde gemacht, andere wurden es spätestens jetzt, als sich alle in einem großen Kreis um die aufgestellten Kerzen versammelten und die altbekannten Circuslieder aus den Tourneeheften, aber auch neue Musik, sangen. Während anschließend in der Parketthalle für die jüngeren Charivaris Bettruhe herrschte, flogen in der großen Sporthalle noch die Keulen oder Gesprächsfetzen hin und her, doch auch dort ging irgendwann das letzte Licht aus und alle holten sich ihren wohlverdienten Schlaf.

Für das Frühstück halfen am nächsten Morgen nicht nur Elternhände, sondern auch einige ältere Frühaufsteher:innen gesellten sich dazu, damit pünktlich um 8 Uhr 30 gegessen werden konnte. An diesem Tag standen noch Vertiefungsworkshops an, um neu Gelerntes zu festigen. Nachdem die letzten Tricks erklärt wurden, versammelte sich der Circus erneut, um eine abschließende Vorführungsrunde zu sehen und zu zeigen. Beim Vertikalseil beginnend schlängelte sich das stets wechselnde Publikum seinen Weg durch die Hallen, von Gerät zu Gerät und immer staunender über das, was in so kurzer Zeit so präzise gelernt worden war. Das Highlight kam allerdings noch, denn Oskar und Sol, die beiden Diabolo-Spieler:innen unseres Gastzirkus zeigten noch einmal für alle in einer atemberaubenden, selbst inszenierten Nummer, was sie alles drauf hatten! Hier wurden nicht nur Diabolos in faszinierende Tricks eingebunden, sondern auch Körpersprache und Theater fanden ihren Platz.

Auch wenn es Viele mit Wehmut erfüllte, neigten sich diese wunderbaren zwei Tage dem Ende. Wir hatten viele Dinge gelernt. Nicht nur, wie man einen Bogengang macht oder bestimmte Abfaller am Tuch, sondern auch, wie man miteinander umgeht, sich hilft, aufmerksam ist. Das Übernachtungswochenende fand seinen Schluss, wie sollte es beim Circus Charivari auch anders sein, in einem Kreis, singend davon, dass „es gut ist, wieder hier zu sein“.

In diesem Sinne auf ein baldiges Wiederaufnehmen der Tradition und ein neues Übernachtungswochenende, denn das lässt hoffentlich nicht so lange auf sich warten.

Josefin Greve

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Gut, wieder hier zu sein

Wir haben erfahrn, dass man heut vor 15 Jahr`n ….

15 Jahre Circus Charivari – das musste gefeiert werden! Am 14. November 2021 fand in der großen Halle des Vereins Lübeck 1876 die große Geburtstagsgala mit über 80 wunderbaren kleinen und großen Akteur:innen vor einem begeisterten Publikum statt.

Zugegeben, es war nicht ganz einfach. Eine Veranstaltung mit insgesamt 250 Personen zu diesem Zeitpunkt der Pandemie mit gutem Gefühl durchzuführen, stellte eine gewisse Herausforderung dar, die Dank einer Vielzahl helfender Hände und einer großartigen Disziplin aller Beteiligten perfekt bewältigt wurde. Und es hat sich gelohnt! Insgesamt 9 Gruppen stellten in dem 1,5 stündigen Programm ihr Können dar. (Bilder in der Galerie)

Zum Auftakt bildeten alle 83 Artist:innen eine lange, vierstöckige Menschenpyramide, die als eine riesige rote Wand voller Circus-T-Shirts und strahlender Gesichter den Startschuss für die Geburtstagsshow gab. Es ging los mit der jüngsten Truppe. Die Freitagsgruppe, die von zwei frischgebackenen Jugendleiter:innen betreut wird, war erst im September gegründet worden und überzeugte trotz der kurzen Vorlaufzeit mit tollen Nummern auf Tonnen und unterschiedlich großen Kugeln. Es folgte die Mittwochsgruppe, die ebenfalls von zwei jungen Trainer:innen angeleitet wird, bei der die Akteur:innen auf Rolabolas (einem Balanciergerät, das in seiner einfachsten Form aus einem zylindrischen Rohr und einem Brett besteht) standen und mit Bällen, Tüchern und Ringen kleine Kunststücke vorführten. Anschließend ging es in die Luft. So sagt man es jedenfalls unter Circusmenschen. Mit poetischen Bildern zeigten 10 Mädchen und Jungen der ersten Donnerstagsgruppe solo oder auch synchron ihr Können an den Trapezen und am Ring. Die zweite Dienstagsgruppe riss das Publikum dann mit coolen Flugrollen, Flic-Flacs und entsprechender Musik wieder aus ihren Träumen und brachte die Halle zum Beben.

Vom Orient zum Wilden Westen

Eine gute Show lebt auch von Abwechslung und so verzauberte die erste Montagsgruppe das aufgeheizte Publikum im Anschluss mit ihrer Fakirnummer für kurze Zeit in die Welt von 1001 Nacht. Mutig knieten, saßen oder (hand)standen die Akteur:innen auf Nägeln oder Glasscherben. Vom Orient ging es dann direkt in den Wilden Westen. Nicht auf Pferden, sondern mit Seilen jeder Größe kam die zweite Montagsgruppe in die Halle gesprungen. Alleine mit einem kleinen Seil, zu dritt mit einem mittleren Seil, alleine mit einem kleinen Seil in einem großen Seil – es war alles dabei, was man sich beim Seilspringen ausdenken kann. Und der Clou am Ende: Kaum jemand im Publikum hat erkannt, dass eine der Mitwirkenden blind ist und nur über ihr Gehör und den Zusammenhalt in der Gruppe agiert hat.

Das Staunen nahm und nahm kein Ende. Die erste Dienstagsgruppe erschien in feinstem Zwirn, mit Hut und Anzug oder in Rüschenkleidern auf ihren Einrädern, auf denen sie beeindruckende Formationen bildeten und sogar Hindernisse, wie zum Beispiel eine große Holzwippe, überwanden. Eine der letzten Nummern vor dem Finale war die schwarz-weiße Partnerakrobatik der zweiten Donnerstagsgruppe, ebenfalls von Jungleiter:innen betreut, aus jeder der beeindruckenden akrobatischen Figuren und Pyramiden sprach der Teamgeist dieser tollen Gruppe. Und es blieb schwarz-weiß: Mit schwarzen Jeans, weißen Hemden und Hosenträgern jonglierten sich die sechs Jugendlichen der „selbstverwalteten“ Dienstagsjongleur:innengruppe mit Bällen, Hüten und Keulen in die Herzen des Publikums.

Mit dem großen Finale, bei dem alle Mitwirkenden noch einmal gemeinsam auf der Bühne erschienen, mit Geschenken und einem Gedicht für unsere Circusdirektorin Trix und einem nicht enden wollenden Applaus ging diese wundervolle Gala zu Ende.

Das große Ganze mitgestalten

Es war eine großartige Show, die gezeigt hat, auf was für einer Bandbreite Circus seine Wirkung erzielt: Da waren die Anfänger:innen, die schon mit wenigen Mitteln und großer Ernsthaftigkeit ihr Können präsentierten, oder die großen Jugendlichen, die ordentlich Dampf in das imaginäre Zirkuszelt brachten. Da gab es äußerst empathische Jungtrainier:innen, die mit viel Geduld und großer Verantwortung mit dem Nachwuchs arbeiten oder Jugendliche, die mit Eigenständigkeit und sehr viel Engagement eine eigene Nummer hoher Qualität auf die Beine gestellt haben. Inklusion von Kindern und Jugendlichen, ob sie, wie die Seilspringerin, blind sind, Trisomie21 haben oder autistisch sind, gehörte bei Charivari schon zum Konzept, als es noch nicht in aller Munde war. Hier geht es nicht um eine Talentshow, sondern das Gemeinschaftserlebnis steht im Mittelpunkt.

Die Rückmeldungen zweier Circuseltern bringen es eigentlich am besten auf den Punkt:

Die Kinder und Jugendlichen sind ganz bei sich und strahlen. Sie schauen einander an, sie helfen sich aus und sie tun, was sie sich selbst gemeinsam überlegt haben. Im Circus ist Raum, an dem es Gelöstheit geben kann und wo gleichzeitig, jeder aus sich heraus die Verantwortung für das Ganze spürt. So entsteht ein wundervolles Gemeinschaftserlebnis, auf das jeder Einzelne stolz sein kann, weil er/sie ihren/seinen Teil dazu beigetragen hat.


Ich war ganz beseelt. Die Zeiten sind so schwer und die Aussichten so düster und dann kommt man auf diese Zirkusinsel voller Talent, voller toller Kinder und Jugendlicher, voller Charivari und plötzlich gibt es Hoffnung. Der Zirkus ist wirklich etwas sehr Besonderes.

Und auch Andrei, der Hausmeister des Vereins, blickt auf die Anfänge des Circus Charivari zurück:

Vor 15 Jahren, da war Trix hier ganz alleine und hat einfach begonnen… und jetzt das hier. Das ist doch unglaublich! Alle helfen, alle räumen auf, alle machen mit, alle sind engagiert, verantwortlich, einfach toll!

Und deshalb heißt es nicht zu Unrecht:

Wir haben erfahren,
dass man heut' vor ein paar Jahren
den Zeitpunkt günstig fand
und dich kurzerhand erfand.
Seitdem bist du auf der Welt.
Schön, dass es dir hier gefällt.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Circus Charivari

Josefin & Nina Greve

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Wir haben erfahrn, dass man heut vor 15 Jahr`n ….

Auftritte in Corona-Zeiten

Endlich, endlich durften unsere Charivaris wieder auftreten, durften eine Kostprobe ihres Könnens geben, durften zeigen, dass sie sportlich und künstlerisch wieder voll da sind! Ende August war es soweit, nach zwanzig Monaten Auftritts-Abstinenz, nach einer Durststrecke mit Lockdowns, Online-Trainings, Nur-Draußen-Trainings, Akrobatik-ohne-Kontakt, Abstands-Circus durften wir endlich wieder ein komplettes Circus-Programm zeigen.

Die Anfrage für diese Auftritte kam schon vor Monaten, als wir gerade erst wieder mit dem Training begonnen hatten, aber wir sagten sofort zu, dankbar, endlich wieder ins Rampenlicht treten zu können. Vor den Sommerferien stellten wir erste Nummern zusammen, nach den Sommerferien ging es dann leider etwas holprig los. Ein Mädchen verletzte sich im Training, ein anderes musste in Quarantäne, ein weiteres wurde krank… Unsere Pyramidennummer haben wir insgesamt vier Mal komplett umgestellt und neu choreographiert. Dennoch war die Vorfreude immens, und so fanden wir uns am Donnerstag, den 26.8., am ersten Auftrittsort ein: der Hanseresidenz. Wir fanden ein sehr dankbares Publikum vor. Hochbetagte Menschen in Rollstühlen und mit Rollatoren klatschten im Takt, strahlten die Jugendlichen an, ließen sich verzaubern. Und die Charivaris boten ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Programm: poetischen Seiltanz, sinnliche Partnerakrobatik, clowneske Rolabola- Kunststücke, spektakuläre Pyramiden und fetzige Jonglage. Beim Finale kamen mir selber die Tränen, so schön war es, meine Artist*innen wieder vor Publikum auftreten zu sehen.Trotz Platzmangel und mangelnder Deckenhöhe meisterten sie alle Herausforderungen mit Bravour. Einziger Wermutstropfen: alle mussten mit Masken auftreten, was natürlich erstens sehr anstrengend war und zweitens den künstlerischen Ausdruck stark einschränkte. Dennoch erfreuten sich alle Hanseresidenz-Bewohner*innen an den gekonnten Darbietungen und den strahlenden Augen der Charivaris.

Der zweite Auftritt, am 28.8. sollte dann eigentlich ohne Maske vonstatten gehen, da er für draußen vorgesehen war. Wir waren von einer Einrichtung für Demenzkranke in Herrnburg eingeladen worden. Leider regnete es Bindfäden, wir warteten vor Ort zwei Stunden auf eine Wolkenlücke, harrten unter einem Partyzelt aus und blickten wechselweise in den Himmel und auf den Regenradar auf unseren Handys: keine Chance. Der Aufenthaltsraum im Gebäude hatte eine viel zu niedrige Deckenhöhe, und als die Jongleure sich einjonglierten, fürchteten die Mitarbeiter*innen, der Fernseher könne kaputtgehen oder andere Einrichtungsgegenstände oder schlimmer noch Menschen könnten getroffen werden.

Aber Aufgeben war keine Option, überall warteten Demenzkranke mit einer Engelsgeduld darauf, dass es endlich losgehe. Selten haben wir solch eine Vorfreude erlebt.

Schließlich kam jemand auf die Idee, unseren Auftritt ins Nachbargebäude zu verlagern, das eine angemessene Deckenhöhe hatte. In einer konzertierten Aktion wurden Tische aus dem Saal getragen, Platz geschaffen, unsere Seilanlage und alles Equipment hineingebracht, gut 50 Bewohner*innen hineinbegleitet oder geschoben, und dann konnte es endlich losgehen. Natürlich, da wir nun wieder drinnen auftreten mussten, wurden auch hier Masken unverzichtbar. Wie schön wäre es gewesen, die Demenzkranken hätten das Lächeln und die Mimik der Artist*innen sehen können! Aber auch so kam unglaublich tolle Stimmung auf. Viele Bewohner*innen klatschten durchgehend mit, andere murmelten immer wieder „so schön, so schön“, und auch einige der Angehörigen kamen direkt zu uns und sagten „Danke, dass Ihr das macht! Ihr seid wundervoll!“

So hatten wir also zwei denkwürdige Auftritte vor extrem dankbarem Publikum.

Und alle waren sich einig, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat und es nichts Schöneres gibt, als Menschen eine Freude zu bereiten. Die nächsten Auftritte dürfen kommen, die Charivaris sind bereit!

Trix Langhans

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Auftritte in Corona-Zeiten

Circus Charivari – on tour

Nachdem im September die jüngeren Charivaris beim Karlshofer Kinderfest einen leicht chaotischen aber sehr fröhlichen Auftritt hingelegt hatten, folgte die Wiederaufnahme unseres Stücks „Pages- A Circus Library“. Das Publikum war begeistert, die Parketthalle platzte aus allen Nähten und viele Zuschauer, die das Stück bereits im Juni gesehen hatten, bemerkten, dass es sich weiterentwickelt hatte, dass es gereift war und definitiv bereit war, auf große Auslandsreise zu gehen. Am 3. Oktober traf unser bewährter Busfahrer Ingo (von Nordic Aktiv Reisen) bei uns ein und stellte mal wieder unter Beweis, dass ihn nichts aus der Ruhe bringen kann, schon gar nicht die Unmengen an Instrumenten, Requisiten, Lichtampeln und unhandlichen Gegenständen, die wir in seinem Bus nebst Anhänger zu verstauen gedachten. Es passte tatsächlich alles hinein, auch wenn es viel Geschick und vor allem Geduld brauchte. Wir sollten auf dieser Tournee noch fünf weitere solche Packaktionen haben.

Voller Vorfreude und Aufbruchstimmung ging es gen Norden, wo wir am späten Nachmittag in Gellerup, einem tristen Vorort von Aarhus eintrafen. Die Gastgeber, der Cirkus Tvaers, begrüßten uns herzlich und staunten sogleich über die gut organisierten Auslade-Ketten: was für eine Disziplin! Kaum waren die Küchensachen im zweiten Stockwerk des Gebäudes angekommen, begann unser phantastisches Küchenteam mit der Vorbereitung des Abendessens, kaum war das Bandequipment im beeindruckenden Theatersaal angelangt, begann schon der Aufbau und die Verkabelung der Band, um bereit zu sein für den ersten Soundcheck, und die Artisten installierten mithilfe beeindruckender Hebebühnen Trapeze, Luftring und Vertikaltücher. In einer aufwändigen Stellprobe machten wir uns mit den Gegebenheiten des Theaters vertraut, passten das Stück an und ließen uns zwischendurch kulinarisch verwöhnen. Vom ersten Tag der Tournee an funktionierten alle wie ein Uhrwerk, und es war eine helle Freude, diese großartige Zusammenarbeit aller Beteiligten Tag für Tag mit zu erleben. Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen, denn es war eine Schulvorstellung angesetzt. Mitten im sozialen Brennpunkt angesiedelt waren wir auf ein sehr unruhiges Publikum eingestellt, aber unsere Truppe konnte alle begeistern und bis zur letzten Minute fesseln. Wir bekamen sehr wertschätzendes Feedback und langen Applaus. Am Nachmittag trafen wir uns in den angrenzenden Räumlichkeiten des Cirkus Tvaers mit Jugendlichen aus dem Stadtviertel. So gut wie alle hatten einen Migrationshintergrund und ein Leben, das weit von der Lebenswirklichkeit unserer Jugendlichen entfernt lag. Dennoch verwischten die Unterschiede und das Fremdsein innerhalb von Minuten, sobald wir miteinander in Bewegung kamen. Baraa, ein gebürtiger Libanese, gab uns einen HipHop-Workshop und alle tanzten ausgelassen miteinander, anschließend ging es mit Bodenakrobatik und Jonglage weiter. Die Trainer des Cirkus Tvaers staunten über unsere hochmotivierten Jugendlichen, es wurden Flikflaks und Salti gesprungen und Clara schaffte sogar einen Handstand auf den Händen von Khaled, dem stärksten Akrobaten des Cirkus Tvaers.

Am Nachmittag rückten drei energische bekopftuchte Frauen an, belegten die Küche und zauberten ein palästinensisches Buffet für uns. Viele der Speisen hatten wir noch nie zuvor gegessen, es war wirklich ein Festschmaus der Spitzenklasse!

Am nächsten Morgen bekamen wir eine Führung durchs „Ghetto“: Hochhäuser und Beton soweit das Auge blickte, dazwischen ein paar eher zweifelhafte Versuche, die Tristesse des Stadtteils zu durchbrechen, wir hatten interessante Einblicke in Sozialpolitik und halbherziges Krisenmanagement. Ein Besuch im Basar des Viertels versetzte uns schlagartig in eine andere, eine orientalische Welt. Nachmittags gaben wir eine öffentliche Vorstellung im Theater, die begeistert aufgenommen wurde. Abends bedankten wir uns mit einer Singerunde und Marzipan bei unseren tollen Gastgebern.

Am nächsten Tag hieß es leider sehr früh aufstehen, da ja wieder alles verpackt und verladen werden musste. Dies wurde der stressigste Tag der Tournee. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt erreichten wir Odense, wo wir beim Cirkus Flikflak sogleich alles ausladen und sofort in die Showvorbereitung gehen mussten. Es war gar nicht leicht, eine Installationsmöglichkeit fürs Schlappseil zu finden und auch die Luftaufhängungen waren kompliziert. Wieder musste einiges umgestellt werden, viele waren auch ganz schön übermüdet, und der Publikumseinlass rückte näher und näher… Dennoch schafften wir es, pünktlich zu beginnen und unser Stück vor vollem Saal zu spielen. Dies war sicher nicht unsere beste Vorstellung, und das Publikum war hier auch sehr unruhig, aber es gab nette Begegnungen, ein gemeinsames Abendessen mit den Dänen und hinterher reichlich Spaß mit den vielen lustigen Geräten und Fahrzeugen des Cirkus Flikflak. Am nächsten Morgen hieß es schon wieder Packen und Weiterfahren.

Beeindruckend war die Fahrt über Storebelt und Öresund und unsere Ankunft in Malmö, wo wir in einem historischen Circus-Gebäude untergebracht waren und dort auftraten: ein Rundbau mitten in einem beeindruckenden Park, Circus-Feeling pur!

Zunächst einmal aber liefen wir zur Cirkusskola Malmö, wo wir ein tolles gemeinsames Training mit den Schweden hatten. Die Show-Vorbereitung nahm am nächsten Tag viel Zeit in Anspruch, aber sie hat sich wirklich gelohnt. Am Abend gaben wir im Manegenrund vor vollem Haus unsere Vorstellung, die von den Schweden wirklich bejubelt wurde. Unsere „Circus-Sprache“ schien sie sehr anzusprechen, und sie zeigten uns unglaubliche Wertschätzung.

Am nächsten Morgen mussten alle wieder sehr früh aufstehen, da wieder eine Schulvorstellung anstand. Als wir feststellten, dass es sich beim Publikum nicht um Schulkinder sondern um mehrere Kindergartengruppen handelte, kürzten wir das Stück noch etwas und stellten um, um uns an das junge Publikum anzupassen. Nun waren wir sehr gespannt, wie unser Stück wohl auf so junge Zuschauer Kinder wirkt, und auch das war wirklich herzerwärmend. Die kleinen Kinder gingen so richtig mit, und es war ein ganz besonderer Morgen in diesem schwedischen Circus- Gebäude!

Nachmittags gab es endlich einmal Freizeit und alle erkundeten in Kleingruppen Malmö, anschließend gab es einen Massageworkshop bei Rike. Abends trainierten wir wieder gemeinsam mit den Schweden in der Circus-Schule. Die Richtlinien für den Abend lauteten: jeder lernt mindestens einen der Anderssprachigen namentlich kennen, jeder bringt jemandem mindestens ein Kunststück bei und jeder lernt mindestens ein neues Kunststück. Dieses Konzept war ein voller Erfolg. Schon nach kürzester Zeit meldeten mir einige, dass sie bereits drei neue Abfaller am Tuch gelernt hätten, andere, dass sie einigen Schweden schon lauter neue Luftringtricks gezeigt hätten, bei den Partnerakrobaten bildeten Schweden und Deutsche beeindruckende Pyramiden und es wurden Freundschaften geknüpft. Viele schreiben sich jetzt auch weiter, und die Schweden baten uns, dass wir doch unbedingt mal ein gemeinsames Trainingscamp veranstalten sollten. Das werden wir definitiv mal planen!

Der letzte Tourneestop Simrishamn war mit Abstand der schönste Ort, ein richtiges Idyll, das uns aber leider mit äußerst schlechtem Wetter empfing. Dafür strahlten die Mädchen aus der „Kulturskola“ um die Wette und hießen uns sehr herzlich willkommen. Leider mussten hier unsere beiden Vorstellungen an unterschiedlichen Orten stattfinden, was uns eine zusätzliche Packaktion und vor allem einen zusätzlichen kräftezehrenden Aufbau und Stellprobe bescherte. Dennoch waren beide Vorstellungen einfach zauberhaft. In Kivik brachten wir eine ganze Schule dazu, jetzt auch Circus zu machen, die Kinder waren absolut entzückt von unserem Stück, tauchten ein in unsere Bücherwelt und waren unendlich dankbar, dass wir mitten im Herbst in ihr sehr verschlafenes Nest gekommen waren. Wie durch ein Wunder brach mittags der Himmel auf, und wir konnten unser Mittagessen draußen an einer idyllischen Bucht einnehmen, danach hieß es schon wieder packen und neu aufbauen in der Halle in Simrishamn.

Nach einem Tag mit gemeinsamen Spielen und Workshops mit schwedischen Circus-Schülern, die aus vier Orten im Umkreis von hundert Kilometern gekommen waren, um mit uns zu trainieren, gaben wir dann unsere allerletzte Vorstellung von „Pages- A Circus Library“.

Diese Derniere war so ziemlich das Schönste, was ich in meiner ganzen langjährigen Circus-Zeit erlebt habe. Unsere 30 Artist*innen, Musiker*innen und Techniker überraschten uns mit künstlerischen Feinheiten, bewegenden Momenten, Humor und menschlicher Größe. Das Ganze war wie ein einziger großer Blumenstrauß, dargeboten vor ausverkauftem Haus, wertgeschätzt und bejubelt von den vielen unglaublich netten Schweden. Am Ende flossen dann Tränen ohne Ende, alle lagen sich in den Armen, dann wurde getanzt… Und wieder gepackt. Bei der spätabendlichen Feedbackrunde wurde nochmal deutlich, wieviel dieses Projekt allen Jugendlichen bedeutet hat und wie sehr sie an allen Herausforderungen gewachsen sind.

Unendlich erschöpft aber auch sehr beglückt kehrten wir zurück nach Lübeck. Gefahren vom weltbesten Busfahrer, gesättigt vom wunderbaren Küchenteam, das auch nach 14-Stunden-Tagen noch gute Laune verbreitete, bereichert durch alle Erfahrungen. Was für eine Tournee!

Wir danken allen Stiftungen und Förderern, die dieses Projekt ermöglicht haben und werden diese Zeit nie vergessen.

Trix Langhans

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Circus Charivari – on tour

Unterwegs…

auf Tournee nach Aarhus/Gellerup und Odense in Dänemark, nach Malmö und Simrishamn in Schweden.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Unterwegs…